Blackspot
Über Blackspot:
Das Blackspot ist ein unabhängiges, unzensiertes Magazin in den Weiten des www. Unser Ziel ist es, die Wahrheit ans Licht zu bringen, ohne Rücksicht zu nehmen auf Abhängigkeiten von Anzeigenkunden, ängstlichen Verlegern oder den Befindlichkeiten irgendwelcher Direktoren. Wir schreiben, was wir denken, und wir schreiben über das, über das wir schreiben wollen.
Redaktion:
Phantom, John Bass Doe, Birdman
Artikel:
Von der Meinungsfreiheit in Schülerzeitungen
von phantom und john bass doe
In unserem Land herrscht Meinungsfreiheit. Zumindest steht es so im Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern.“ Und: „Eine Zensur findet nicht statt.“
Weil grundsätzliche Freiheiten aber anscheinend zu viel sind für mündige Bürger, wird diese Freiheit sogleich eingeschränkt durch allgemeine Gesetze, Jugendschutzbestimmungen und dem „Recht der persönlichen Ehre“, wie es so schön heißt. Und das heißt wahrscheinlich, niemand darf unter der Gürtellinie beleidigt werden. Wobei natürlich jeder die Gürtellinie anders festlegt, die eine trägt Hüfthosen, dem nächsten hängen die Hosen gar in den Kniekehlen, während ein anderer sie bis unter die Achseln hochzieht. Und irgendein Spinner legt sich den Gürtel auch um den Hals. Zu bildhaft beschrieben? Kann sein, doch hier kommt der konkrete Fall dazu. Und weil es lustig ist und journalistische Tradition hat, sind alle Namen von der Redaktion geändert.
Der Schülerzeitungsredakteur Mario S. der Münchner Biedermann-Schule hatte über die Jahre immer mal wieder Ärger wegen seiner direkten Art bekommen, und so stand auch einer seiner Artikel für die aktuelle Ausgabe des Biedermann-Blatts zur Diskussion. Er hatte eine Glosse über den fotografiewütenden Englischlehrer Gregor Geil geschrieben. Ein Lehrer, der bei Wandertagen, Schulfesten, Sportveranstaltungen, usw. stets mit Fotoapparat auftauchte und unzählige Fotos schoss, um sie bei passender oder unpassender Gelegenheit seinen Klassen vorzuführen. Dabei hatte er jedoch eine Vorliebe für zwei Motive:
Zum einen Schüler in peinlichen Situationen. Erwischte er einen dabei, wie er beim Bergwandern auf den Hintern fiel, beim Sport stolperte, mit dämlichen Gesichtsausdruck in die Ferne starrte oder sich aus Langeweile in der Nase popelte, freute er sich einen Ast. Anstatt diese Bilder einfach still und schweigend zu archivieren, zeigte er sie mit dem lauten Lachen der Schadenfreude bei Weihnachtsfeiern und in der letzten Stunde vor den Sommerferien.
Zum anderen ging es um Mädels in kurzen Röcken oder engen Tops. Natürlich sind kurze Röcke auf dem Schulhof klasse, und da kann man auch einen zweiten Blick riskieren, dafür ist ein cooles Outfit doch da. Aber ein Lehrer, der sich den Hintern einer Fünfzehnjährigen heranzoomt oder mit seinem Foto aus der Hüfte Bilder schießt und hofft, dass sein digitales Auge bis zu den Slips unter den Röcken vordringt, ist peinlich. Mindestens. Und von diesen Bildern hat er sicherlich nicht alle öffentlich gezeigt.
Herr Geil und seine Bilder waren etwas, von dem jeder in der Schule wusste; man wurde schließlich oft genug gezwungen, sie anzusehen. Es wurde darüber gewitzelt – auch von Lehrern – und gemotzt. Als es nun aber darum ging, dass Mario S. dies in seiner Glosse niederschrieb, waren die Bedenken bei Frau Zeta Zögerlich, die als Deutschlehrerin die Schülerzeitung betreute, plötzlich groß. Es war die Rede von Persönlichkeitsrechten und davon, dass der Artikel zu weit ginge, daraus könnte man ganz ungute Unterstellungen ableiten, die Herrn Geil in ernste Schwierigkeiten bringen könnten.
„Bringt ihn die Glosse in Schwierigkeiten oder seine Fotos?“, fragte Mario S., doch Frau Zögerlich wollte sich auf so etwas nicht einlassen: „Das sind doch Spitzfindigkeiten. Wir wollen es lieber nicht riskieren. Immerhin ist er auch ein verdienter Kollege, und es geht hier schließlich auch um den Ruf der Schule.“
Und so gingen sie in das Büro des Direktors, und der plusterte sich auf und sagte „Nein! Auf keinen Fall! Dieser Artikel ist eine Frechheit! Wahrscheinlich eh nur die pubertäre Retourkutsche für eine schlechte Note.“
Mario S. Durfte seine Glosse nicht verteidigen, ein Gespräch war „aus zeitlichen Gründen“ nicht nötig, sagte der vielbeschäftigte Direktor Feigling und ließ sich einen Kaffee machen, als er Schüler und Lehrerin aus seinem Büro schickte.
Mario S. ließ die Sache nicht auf sich beruhen. Er fotografierte Herrn Geil in den nächsten Tagen mit dem Handy in möglichst albernen Situationen, und schmuggelte die Glosse – illustriert von den alberndsten der geschossenen Fotos – unter der Überschrift eines anderen Artikels von ihm in das Biedermann-Blatt, nachdem es vom Direktor abgesegnet worden war. Als das Heft aus dem Druck kam, war das Theater groß.
Herrn Geil ist daraufhin nichts passiert. Im Gegenteil, der Direktor entschuldigte sich wortreich bei ihm und lobte ausdrücklich seine zahlreichen Fotografien, die das reichhaltige Leben an der Biedermann-Schule so schön dokumentieren. Er solle sich durch einen rebellischen Pubertierenden bitte nicht irritieren lassen. Frau Zögerlich schloss sich völlig aufgelöst dem Direktor an und fragte sich, wie ihr das nur hatte passieren können. Zwei, drei Tage schwappte Aufregung durch die Schule, dann war das Thema auch wieder gegessen. Konsequenzen hatte die Geschichte nur für Mario S., der aus der Schülerzeitung geworfen wurde und einen Schulverweis erhielt.
Die viel größere Einschränkung der Meinungsfreiheit findet nicht durch den Staat statt, sondern durch feige Vorgesetzte, Verlagsinhaber, Chefredakteure oder eben ängstliche Schulleiter. Leute mit Macht, die von sich selbst aber lieber sagen, sie würden „Verantwortung tragen“. Das klingt besser und freundlicher als „Macht zu haben“.
Doch ihre Verantwortung besteht nicht in der Verteidigung von Pressefreiheit und dem Aufdecken der Wahrheit, sondern darin, es allen recht zu machen, nirgendwo anzuecken und auf keinen Fall etwas zu riskieren. Aus Angst vor Ärger oder dem Verlust von Lesern oder gar einer Anklage stecken sie all jenen, über die sie Macht haben viel zu enge Grenzen. Vielleicht haben sie ja tatsächlich Verantwortung zu tragen, was sie jedoch auf keinen Fall haben, ist ganz klar eines: Rückgrad. Und das schadet der Pressefreiheit mindestens ebenso wie eine Zensur.


